Lampen­fieber

Was tun gegen die große Angst vor der Blamage?

Unseren Vorfahren, die gelegentlich mit einem Säbelzahntiger um ihr Leben kämpften, waren Adrenalin-Schübe durchaus willkommen: In Todesangst half das Stresshormon, den ganzen Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen, die Muskeln besser zu durchbluten und die Aktivität des Großhirns herunter zu fahren. Denn für Begegnungen dieser Art gab es schließlich nur zwei mögliche Reaktionen: Kampf oder Flucht. 

Auge in Auge mit einer Großkatze käme uns heute diese Körperreaktion natürlich weiterhin gelegen. Sehr ungelegen hingegen ist es, wenn uns die moderne Form der Kampfbereitschaft überflutet: das Lampenfieber. Gerade jetzt! Wo ich doch sehr souverän diesen Vortrag halten, ein Lied singen oder mich im Bewerbungsgespräch beweisen will. Na eben! Rein körperlich gesehen empfinden wir diese Situationen genauso bedrohlich wie den Tiger mit den langen Zähnen. Unser Problem liegt doch eher darin, dass wir beim Vortrag mit kampfbereiten Muskeln und einem lahm gelegten Großhirn weniger anfangen können als unsere Vorfahren. 

Was also tun? Sich nicht noch zusätzlich aufregen, lautet das erste Gebot. 

Wenn Sie rote Flecken am Hals bekommen, ärgern Sie sich nicht und fürchten Sie sich auch nicht davor, sondern tragen Sie einen leichten Schal. Vermeiden Sie in diesem Sinne alles, womit Sie sich selbst zusätzlichen Stress machen. Bestimmt habe ich nachher einen Blackout! Sicher merken alle, dass ich zittere! Oh Gott, ich blamiere mich so schrecklich! Das alles verstärkt die Stresssituation und verlängert die Phase der Hormonausschüttung. 

Sinnvoller ist es, sich selbst positive Sätze zu sagen: Ich habe alles im Griff. Ich bin bestens vorbereitet. Ich freue mich darauf, mein Wissen weiterzugeben. Das Publikum ist daran interessiert, was ich zu sagen habe. Gerade dieser Punkt ist wichtig: Das Publikum ist nicht Ihr Feind. Niemand wartet darauf, dass Sie sich blamieren. Die Zuhörer wollen informiert und unterhalten werden. Wenn Sie spannende Dinge unterhaltsam vortragen, können Sie das Publikum schnell gewinnen. Also freuen Sie sich auf Ihren Vortrag und sprechen Sie gerne zu Ihrem Publikum. 

Ein Wort zur guten Vorbereitung: Je mehr Sie sich vor Lampenfieber fürchten, oder schon wissen, dass Sie zu Beginn einen relativ hohen Adrenalinschub bekommen, desto besser sollten Sie sich vorbereiten. Das gibt Ihnen ein sicheres Gefühl. Außerdem hilft mehrfaches Durchdenken und lautes Vortragen dabei, sich Halbsätze und Formulierungen zu merken. Sie lassen sich dadurch auch dann gut abrufen, wenn wir ein bisschen aufgeregt sind. Zur guten Vorbereitung, das sei nur nebenbei gesagt, gehört auch, sich rechtzeitig mit dem Raum und der Vortragssituation vertraut zu machen und die Technik zu überprüfen. 

Ihr Hände und Ihre Stimme zittern zu Beginn des Vortrags, und Sie haben das Gefühl, dass Sie nicht genug Luft bekommen? Die gute Nachricht lautet: Adrenalin kommt schnell, aber es baut sich auch schnell wieder ab. Deshalb: Versuchen Sie Anfangsaufregung zu ignorieren. Auf Zuhörer wirkt es durchaus sympathisch, wenn die Rednerin oder der Redner am Anfang ein bisschen aufgeregt ist und Sie können davon ausgehen, dass sich das überschüssige Adrenalin in wenigen Minuten zurückbildet. 

Was halten Sie übrigens davon, das nächste Mal dankbar zu registrieren, dass Ihr Körper Sie in dieser herausfordernden Situation, die vor Ihnen liegt, unterstützten will? Denn schließlich hilft Ihnen eine angemessene Portion Stresshormon auch, sich zu konzentrieren und Ihre Präsenz während des Vortrags aufrecht zu erhalten. 

Wenn Sie Ihrem Körper ein zusätzliches Signal geben wollen, das soweit alles in Ordnung ist und er den Adrenalinspiegel reduzieren kann, versuchen Sie langsam und gleichmäßig zu atmen. Konzentrieren Sie sich dabei auf die Ausatmung, Einatmen ist ein Reflex, der von selbst funktioniert. Wenn Sie langsam, gleichmäßig und tief ausatmen, tun Sie damit zugleich etwas gegen die Kurzatmigkeit, die bei Aufregung auftreten kann: Das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen entsteht nämlich oft dadurch, dass wir uns verspannen und nicht ausreichend ausatmen, bevor wir wieder einatmen. 

Und wenn Sie doch einen Blackout bekommen? Denken Sie daran, dass eine kurze Sprechpause von den Zuhörer*innen noch gar nicht als Blackout empfunden wird. Wenn Sie sich jetzt nicht zusätzlich verkrampfen, sondern möglichst selbstverständlich zu Ihrem nächsten Stichwort übergehen, merkt vermutlich kaum jemand etwas. Zur Sicherheit planen Sie vorher, was Sie im Fall eines Blackouts tun wollen: ein Beispiel erzählen, das Gesagte zusammenfassen oder einen Schluck Wasser trinken. Meistens findet man auf diese Weise wieder ganz leicht in den Vortrag zurück. 

Und noch ein Trost zum Schluss: Noch niemand hat Lampenfieber im Handumdrehen verloren. Es wird nur Stück für Stück weniger, wenn Sie daran arbeiten. Aber das funktioniert. Garantiert.